Neueste MECP2-Nachrichten aus dem Mandel-Labor

 

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by Monica Coenraads 24. September 2015 in Research | Tags: Gail Mandel, MECP2 Consortium, Mike Linhoff

Im Kern einer jeden Zelle befinden sich circa 1,6 Meter DNA. Der Kern ist so klein, dass 10.000 von ihnen mit einer Summe von insgesamt knapp 18 Kilometern DNA in die Spitze einer Nadel passen würden. Das Video unten erklärt, wie die unvorstellbare Aufgabe des Aufwickelns von dieser Menge DNA geleistet wird.

Heute hat das Wissenschaftsmagazin Cell Forschungsergebnisse veröffentlicht, die aus dem Labor von Gail Mandel stammen und zeigen, dass das Rett-Protein MeCP2 eine Rolle dabei spielt, wie die DNA in den Zellkern gepackt wird. Dieses Forschungsprojekt wurde teilweise vom RSRT durch das MECP2-Konsortium finanziert. Mit einer Technologie namens Matrixtomographie fand das Mandel-Labor heraus, dass die DNA in Zellen, denen MeCP2 fehlt, kompakter gelagert ist.
Stärkere Kompaktheit ‚versteckt‘ Gene vor der zellulären Maschinerie, die für die Proteinproduktion gebraucht wird. Entsprechend können kompakte Gene wenig/kein Protein produzieren.

Stellen wir uns die DNA als biegsame Kette mit Genen entlang der Glieder vor. In einem komprimierten Zustand ist es schwierig für diese Gene, durch die notwendigen Moleküle erreicht zu werden, welche wiederum die Proteinproduktion ermöglichen.

Wenn die Kette aber ausgestreckt wird, werden die Gene sehr zugänglich für die Proteinproduktion.

Die Wissenschaftler haben ebenfalls herausgefunden, dass der Kompaktheitsgrad der DNA mit dem Grad des MeCP2-Bedarfs in einer gegebenen Zelle zusammenhängt. Zum Beispiel werden Zellen, die typischerweise große Mengen MeCP2 benötigen (z.B. Purkinje-Zellen) bei Kompaktheit größere Veränderungen erfahren, wenn MeCP fehlt, als Zellen, die normalerweise weniger MeCP2 benötigen (z.B. Astrozyten).
Das Video unten zeigt normale Kernkompaktheit in Purkinje-Zellen von weiblichen Mäusen auf der linken und von Mäusen mit Rett-Mutationen auf der rechten Seite.

Die Person hinter dieser Arbeit, Mike Linhoff vom Mandel-Labor, beschreibt das Video folgendermaßen: „Weiß zeigt die DNA, während Grün DNA-Sequenzen zeigt, an die MeCP2 bindet. Rot zeigt eine spezielle Proteinmodifikation, welche die Kompaktheit der DNA fördert. Fehlt MeCP2, befällt diese Kompaktheitsmodifikation die DNA-Sequenzen, an die MeCP2 normalerweise bindet.“
Gail Mandel teilt mit:

„ Die klinische Relevanz dieser Arbeit besteht darin, dass sie auf Behandlungsmethoden hinweist, welche neuronalspezifische Effekte eines MeCP2-Verlustes berücksichtigen. Eine solche Strategie, die der RSRT bereits verfolgt, ist eine Reaktivierung des stummen MECP2 auf dem inaktiven X. Andere Strategien könnten einschließen, dass Faktoren zur Titrierung von Gentherapie-geeigneten Stufen von MeCP2 in verschiedenen neuronalen Typen gefunden werden, oder dass eine medikamentös behandelbare nachgelagerte Konsequenz identifiziert wird, die in allen neuronalen Typen vorkommt.“

-Gail Mandel

Rett und die Pharmaindustrie …Was bringt sie zusammen?

1. September 2015 in Research | Tags: Monica Coenraads, Pharmaceuticals, Rare Disease

Ich bin häufig mit Aussagen dieser Art konfrontiert: „Die Pharmaindustrie hat kein Interesse an der Entwicklung von Medikamenten für das Rett-Syndrom, weil diese Störung selten ist und die Firmen damit kein Geld verdienen können.“
Trotzdem erhalte ich beinahe täglich E-Mails und Anrufe oder treffe Entscheidungsträger der Branche persönlich. Meiner Auffassung nach befindet sich Rett durchaus im Wahrnehmungsfeld der Industrie, was sowohl auf große Pharmakonzerne, als auch auf kleinere Firmen der Biotechnologie zutrifft. Doch warum ist das so?
Die Industrie strömt in Richtung seltener Krankheiten, und hier sind ein paar Gründe dafür, warum sie das tut:
Die biologische Seite seltener Krankheiten ist oft besser verständlich als bei üblichen Krankheiten. Dies ist mit Sicherheit auch bei Rett der Fall, weil es durch die Mutation eines einzelnen Gens ausgelöst wird, welches bereits genau lokalisiert wurde.
Der US Orphan Drug Act (Orphan-Medikamente-Verordnung), welcher die Förderung der Medikamentenentwicklung für seltene Krankheiten beinhaltet, gewährt Firmen Steuernachlässe, finanzielle Mittel für klinische Studien, die Befreiung von FDA-Gebühren (FDA = Behörde zur Aufsicht von Lebensmitteln und Medikamenten) und eine 7-jährige Marktexklusivität.
Medikamente für seltene Krankheiten können enorme Preise haben. Jährliche Kosten von 100.000 bis 500.000 USD sind keine Seltenheit.
Medikamente für seltene Krankheiten verursachen geringere Marketingkosten und bieten oft erhöhte Chancen auf Rückerstattung.
Klinische Studien sind viel kleiner und entsprechend billiger. Außerdem erleichtert eine enthusiastische Patientengruppe die Suche nach Probanden.
Wirkstoffe, die eigentlich zur Behandlung seltener Krankheiten hergestellt wurden, erweisen sich manchmal als hilfreich für eine breitere Patientengruppe.
Firmen wie Genzyme, Shire, Vertex, Alexion, BioMarin, Celgene und Aegerion, um nur einige zu nennen, haben ein erfolgreiches Geschäftsmodell für die Entwicklung von Medikamenten für seltene Krankheiten fest etabliert.
Dieser Paradigmenwechsel bedeutet gute Nachrichten für Rett. Zusätzlich zu den oben genannten Vergünstigungen bietet Rett einen einzigartigen Vorteil, welcher der Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger in der Branche nicht entgangen ist: Umkehrbarkeit!
Doch auch wenn es außerordentlich begrüßenswert ist, diese Entwicklung zu beobachten, so dürfen wir doch nicht die Intensität mindern, mit der wir Grundlagenforschung und klinische Forschung unterstützen und vorantreiben. Das Interesse der Pharmaindustrie an den Ansätzen, die der RSRT bisher verfolgt hat (Aktivierung des stummen MECP2, Modifikatorgene, nachgelagerte Ziele wie NMDA Verabreichungswege, Gentherapie) bekräftigt unsere Forschungsstrategie. Unsere Forschung hat eine reichhaltige Quelle potenzieller Angriffspunkte für Medikamente hervorgebracht, und es ist daher unerlässlich, die Quelle weiter sprudeln zu lassen.

 

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